„Zentralbahnhof“

Nein, es geht nicht um ein lustiges Stück über die eine oder andere Ferienreise, sondern um die dramatische Gestaltung der gleichnamigen Parabel von Günter Kunert.

Ohne Vorwarnung oder erkennbaren Zusammenhang erreicht eine junge Frau durch geheimnisvolle, maskierte Männer die Aufforderung, sich zu ihrer eigenen Hinrichtung am Zentralbahnhof einzufinden. Die Benachrichtigung sei zwar nur maschinell unterschrieben, aber dennoch rechtskräftig, wie versichert wird. Die tödliche Bedrohung durch einen anonymen Staat wird von der Umwelt als Kinderstreich abgetan oder sogar als Tippfehler verharmlost (gemeint sei sicherlich „Einrichtung“, nicht „Hinrichtung“) und zeigt so eine Welt, in der sich jede Stütze als illusionär erweist: Freunde, die letztlich mit den Machthabern gemeinsame Sache machen; ein Nachbar, der sich lieber mit seiner Lektüre zurückzieht („1984“ lässt nicht nur an dieser Stelle grüßen); eine Rechtsanwältin, die nur den nächsten lukrativeren Termin im Sinn hat; sogar Eltern, die bequemlichkeitshalber auf den Staat vertrauen … Die Inszenierung basiert auf einer interessanten doppelten Anlage der Hauptfigur: Da gibt es auf der einen Seite ihren offen agierenden Part und auf der anderen Seite ihr Alter Ego, das Einblick in ihre Gedankenwelt gewährt. Die Verzweiflung der jungen Frau steigert sich nachvollziehbar, ihre Panik zeigt sich auch im Sprachlichen, und letztlich verstummt sie: äußerlich, aber auch innerlich. Sie erstarrt förmlich und liefert sich am Ende selbst dem Staat aus, einem Staat, der seine Bürger und Bürgerinnen perfiderweise dazu auffordert, am politischen Leben teilzuhaben. Wann ist der rechte Moment aufzustehen und dieses Recht tatsächlich einzuklagen, vielleicht nicht für sich selbst, sondern für die Gefährdeten?

Der Dank für eine nachdenklich stimmende Umsetzung geht an den Kurs Darstellendes Spiel unter der Leitung von Gerda-Karin Oostinga.

Hm

Weitere Bilder von der Aufführung auf der Facebook-Seite des Oldenburg-Kollegs